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"Der gute Mensch": Eröffnungsrede von Julius Wagner zum Neujahrsempfang

Begrüßung anlässlich des gemeinsamen Neujahrsempfangs der Stadt Eltville am Rhein und der Stiftung Kloster Eberbach
18. Januar 2026, 11 Uhr, Laiendormitorium

Der gute Mensch

„Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass zu diesen Rechten Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“

Declaration of Independence, 4. Juli 1776

Herzlich willkommen zum Neujahrsempfang der Stadt Eltville am Rhein und der Stiftung Kloster Eberbach, liebe Schwestern und Brüder!

Das ist doch ein guter Einstieg für das neue Jahr, in dieser Zeit, oder?
„Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“...

2026 ist ein Jahr der großen Jubiläen. Ein ganz Großes ist dieses – Sie haben es erkannt: Am 4. Juli 1776 proklamierten dreizehn britische Kolonien in Nordamerika ihre Loslösung von Großbritannien und ihr Recht, einen eigenen souveränen Staatenbund zu bilden. Der größtenteils von Thomas Jefferson verfasste Text, der mit diesem Zitat beginnt, stellt die Gründungsurkunde der Vereinigten Staaten dar und ist eines der wirkungsmächtigsten Dokumente der demokratischen Staatsphilosophie.

250 Jahre später besteht die US-amerikanische Demokratie weiter und ist damit die älteste Demokratie der Welt. Auch wenn dieses Land gerade in einen souveränen Staat eingefallen ist und dessen – wohlgemerkt kriminellen, despotischen - Machthaber entführt hat. Auch wenn die USA aus heiterem Himmel ihren Anspruch gegenüber einem anderen souveränen – europäischen Staat – auf einen Teil seines Staatsgebiets, Grönland, bekräftigen. Und wir mutmaßen, dass sie nicht allein deshalb die Demonstrierenden im Iran unterstützen, um ihr Menschenrecht auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück zu verteidigen und denken dabei unweigerlich an die vom russischen Bombenterror verheerten Menschen in der Ukraine.

Und doch: Die Erinnerung an die Postulierung dieser Rechte ist gerade jetzt und gerade aus dem Mutterland unserer modernen Demokratien für uns alle von großer und ganz persönlicher Bedeutung. Denn interessant ist doch, dass dem Menschen als Naturrecht das Streben nach Glück zugestanden wird. Dem liegt etwas zugrunde, dass aus uns herauskommt, nämlich die Überzeugung, dass nur der Mensch wirklich glücklich ist, der zu einem guten Menschen wird.
Also die Vorstellung, dass wer nach Glück strebt, danach strebt, ein guter Mensch zu sein.

Was heißt das überhaupt: ein guter Mensch? Sind wir gute Menschen? Ist unser Neujahrsvorsatz, in diesem Jahr ein guter, ein besserer Mensch zu sein als im Letzten? Glücklich zu sein? Diese Frage fällt uns heute zunehmend schwer zu beantworten. Ja, ich weiß gar nicht, ob wir sie uns – mich eingeschlossen – ganz persönlich überhaupt ernsthaft stellen. Wir leben in einer Zeit, die vieles messen kann: Reichweite. Umsatz. Body Mass Index.

Aber Anstand, Verlässlichkeit, Charakter lassen sich schwer messen und sind keine Garanten für Karriere oder Erfolg. Das Wort „gut“ ist dabei fast verdächtig geworden. Zu moralisierend. Mit „Gutmenschen“ bezeichnen wir zudem eher überambitionierte Ideologen und Weltverbesserer, die uns alles Mögliche aufnötigen wollen, ein dauerhaft schlechtes Gewissen inklusive.

Liebe Freunde, wir sind hier in Kloster Eberbach … und auch wir feiern ein, wenn auch ganz anderes, so doch besonders Jubiläum: Vor vierzig Jahren kam die Verfilmung von Umberto Ecos großem Roman „Der Name der Rose“ in die Kinos. Der Rest ist Geschichte… Sie erinnern sich: Im Kern von Buch und Film geht es um soziale und religiöse Konflikte zwischen päpstlicher Dogmenlehre, Ordensbrüdern und den verbotenen Schriften antiker griechischer und römischer Philosophen. Auch um die Werke des Aristoteles.
Und tatsächlich enthielt auch die echte Eberbacher Klosterbibliothek solche Werke, namentlich von Aristoteles: Sie gingen alle durch die Plünderungen im Dreißigjährigen Krieg verloren. Es waren die Klöster des Mittelalters, die das verloren geglaubte Wissen der Antike wiederentdeckten, nicht zuletzt durch den zwangsläufigen Kulturaustausch durch die Kreuzzüge, woraufhin sie Werke aus islamischen Bibliotheken kopierten. Man kann sagen: Ohne die Klöster, so wie Eberbach, hätte es wahrscheinlich in Europa diese Form der Entwicklung der Geisteswissenschaften nicht gegeben, mithin keine Renaissance oder einfacher: Ohne Kloster – keine Mona Lisa! Und auch keine Declaration of Independance, deren Verfasser mit Aristoteles genauso vertraut waren wie, dass sie auf einem puritanisch-christlichen Fundament standen.

Warum aber Aristoteles? Kurzum: Er ist der erste, der uns eine bis heute brauchbare Definition des guten Menschen gibt. Insofern – falls dies unser Vorsatz ist – schauen wir ihn uns kurz an:

Aristoteles hat vor 2.400 Jahren erklärt, wie man ein gutes, glückliches Leben führt, indem man Tugenden entwickelt und die "goldene Mitte" findet – also Extreme vermeidet. Es geht darum, durch Tun und Gewohnheit, nicht nur durch Nachdenken, ein gerechter, mutiger und maßvoller Mensch zu werden, was das eigentliche Ziel des Lebens darstellt. Um glücklich zu sein, muss man also ein guter Mensch werden, indem man durch Gewohnheit und Vernunft die richtige Mitte in seinem Handeln findet. Deshalb inkludiert das „Streben nach Glück“ – the pursuit of happiness - auch das Bestreben, ein guter Mensch zu sein. Ein guter Mensch ist jemand, bei dem andere sicher sind: Wenn es ernst wird, ist er da, schon aus Gewohnheit.

Der große Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, baut darauf auf und geht noch weiter: Ein guter Mensch tut nicht nur das Angenehme. Er tut das Richtige, auch wenn es unbequem ist. Moral beginnt dort, wo es uns etwas kostet. Ein Mensch ist gut, wenn er Dinge tut, die er auch dann tun würde, wenn sie ihm selbst nichts bringen. Gut sein heißt: Ich nehme meine Verantwortung ernster als meinen Vorteil.

In der christlichen Tradition ist der „gute Mensch“ nicht primär der moralisch Makellose, sondern der Gott und seinem Nächsten Zugewandte. Was fordert Gott von dir? Nichts als Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Demut. Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Demut sind dabei keine additiven Tugenden, sondern drei Perspektiven auf ein und dieselbe Haltung. Barmherzigkeit bedeutet im biblischen Sinn mehr als Mitgefühl. Sie heißt: den anderen nicht auf seine Schuld, sein Scheitern oder seine Nützlichkeit zu reduzieren. Der barmherzige Mensch sieht im Gegenüber immer zuerst die unverlierbare Würde – selbst dort, wo alles dagegenspricht. Gerechtigkeit ist im Christentum nie bloß Ausgleich, sondern: Wiederherstellung. Sie fragt nicht nur: „Was steht jemandem zu?“, sondern: Was braucht jemand, um wieder in Beziehung treten zu können – zu sich selbst, zu den anderen, zu Gott. Der gute Mensch handelt gerecht, indem er nicht nur Recht durchsetzt, sondern Leben ermöglicht. Demut schließlich ist das innere Fundament beider. Sie ist nicht Selbsterniedrigung, sondern Wahrhaftigkeit über die eigene Begrenztheit. Der demütige Mensch weiß, dass er nicht der Maßstab der Welt ist. Gerade deshalb kann er hören, vergeben, lernen und sich korrigieren lassen. Ohne Demut wird Barmherzigkeit sentimental und Gerechtigkeit hart; mit Demut werden beide menschlich. Im christlichen Horizont ist der gute Mensch also nicht der Starke, sondern der Verantwortliche. Nicht der Fehlerlose, sondern der Versöhnungsbereite. Nicht der Überlegene, sondern der, der sich in Beziehung weiß. Ein guter Mensch ist jemand, der den anderen so behandelt, als wäre Gott selbst ihm in diesem Menschen begegnet.

Und schließlich – unser Jahr hat mit Krieg und Gewalt um uns herum in der Welt begonnen – sollten wir die beunruhigende Erkenntnis einer Mahnerin mit ihren Erfahrungen der Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht vergessen, erst recht, wenn wir besorgt auf den Zustand unserer eigenen Demokratie blicke. Die Philosophin Hannah Arendt erkannte, dass das große Böse selten aus Bosheit entsteht. Es entsteht aus Gedankenlosigkeit. Dabei hatte sie vor allem eine Gesellschaft von Mitläufern vor Augen, die in ihrer Gesamtheit geschehen ließ, was geschah. Für sie konnte das Böse reüssieren, weil die Menschen nicht mehr konsequent fragten: Ist das richtig? Ist das gerecht? Ist das menschlich? Ein guter Mensch ist daher heute vor allem: jemand, der nicht aufhört, selbst zu denken. Der nicht alles mitmacht, nur weil es „alle machen“. Der nicht alles hinnimmt, nur weil es bequem ist.

Vielleicht ist das das eigentlich Verbindende zwischen jenem ersten Satz der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und dem Ort, an dem wir heute stehen: die Überzeugung, dass Freiheit ohne Verantwortung leer bleibt. Aristoteles hätte hier von Haltung gesprochen. Kant von Pflicht aus Freiheit, Jesus von Nächstenliebe. Hannah Arendt von der Fähigkeit, selbst zu urteilen – auch dann, wenn es einfacher wäre, sich treiben zu lassen, Mitläufer zu sein.

Kloster Eberbach ist ein Ort, der seit Jahrhunderten davon erzählt, dass Gemeinschaft nur dort Bestand hat, wo Menschen sich selbst Maß geben. Wo nicht alles erlaubt ist, was möglich wäre. Wo das Gute nicht verordnet, sondern gelebt wird. Eine Stadtgesellschaft lebt nicht durch ihre Institutionen oder Infrastruktur, und ein Kloster als Kulturort nicht von Steinen und Veranstaltungen. Sie leben von Menschen, die ein inneres Maß haben und die Verantwortung übernehmen - beharrlich, oft ohne großes Aufheben, aber fest in ihren Überzeugungen.

Wenn wir also heute auf ein neues Jahr blicken, dann wünsche ich uns nicht zuerst mehr Tempo oder mehr Erfolg, nicht einmal Glück, sondern mehr innere Klarheit und den Mut, im Alltag nicht wegzusehen. Und die Freiheit, uns selbst immer wieder zu fragen: Was ist jetzt das Richtige? Wenn wir uns diese Frage im kommenden Jahr öfter stellen als die bequemere – „Was nützt mir das?“ – werden wir standfester - und besser als Gesellschaft, als demokratische Gemeinschaft. Und vielleicht ist genau das die stärkste Form des Guten: dass wir einander zutrauen, mehr zu sein als bloße Zuschauer unserer Zeit.

Auf ein Jahr, in dem wir uns zutrauen, gute Menschen zu sein – aus Gewohnheit unserer Prinzipien, die im Jahr des 250. Geburtstages der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung heißen: Leben, Freiheit und das Streben nach Glück!

Vielen Dank!

19.01.2026 ⋅ Aktuelles