Fragmenta in lumine
Neue Geschichte, erste Geschichte.
Diese Geschichte.
Ganz alt, wieder neu. Gestern ist heute.
Die Ausstellung Fragmenta in lumine, des deutsch-britischen Künstlers Michael Anthony Müller, die vom 5. Mai bis 6. September im Mönchsdormitorium gezeigt wird, setzt die drei Fenster, die er für die Basilika von Kloster Eberbach geschaffen hat, in einen größeren Kontext innerhalb seines künstlerischen Œuvres. Sie eröffnet Einblicke in Hintergründe und gedankliche Prozesse, die den Künstler bei seiner Arbeit an den Fenstern geleitet haben.
Motivisch basieren die Fenster, die sowohl technisch als auch inhaltlich komplex aufgebaut sind, auf dem Gemälde Magnesia am Sipylos (Fragment 1) (2021/2022) und aktualisieren die Erzählung eines antiken griechischen Mythos über Liebe, Zeit, Tod und Ewigkeit. Der Mythos der Dioskuren erzählt die Lebensgeschichte der Zwillingsbrüder Kastor und Polydeukes. Die Söhne der oft in der Geschichte der Kunst dargestellten Leda werden in einer Nacht von zwei unterschiedlichen Vätern gezeugt: der eine vom Göttervater Zeus, der Leda in Gestalt eines Schwans erscheint, der andere von ihrem Gatten Tyndareos, dem König von Sparta. Während der eine als Sohn eines Gottes unsterblich ist, bleibt der andere als Sohn zweier Menschen sterblich. Nach Kastors Tod schenkt Zeus den unzertrennlichen Brüdern die Möglichkeit, wieder vereint zu sein und abwechselnd jeweils einen Tag unter den Göttern auf dem Olymp zu weilen und den folgenden im Hades, dem Reich der Toten – ein ewiger Kreislauf von Geburt und Tod.
Michael Anthony Müllers monumentales Gemälde Der geschenkte Tag (2021–2022/2025), das ursprünglich für eine Einzelausstellung im Städel Museum Frankfurt entstand und derzeit im Neuen Museum in Berlin zu sehen ist, erzählt mit den Mitteln der abstrakten Malerei den Tageslauf der Dioskuren, deren Leben von Heldentaten, Feldzügen, Liebschaften und der Fahrt der Argonauten geprägt ist. Auch die hier gezeigten, vom Künstler als „Fragmente“ bezeichneten großformatigen Leinwände rekurrieren auf diesen Mythos und sind inhaltlich in engem Dialog mit dem Werk entstanden. Für die Ausstellung im Kloster Eberbach zerlegt der Künstler eine in sich geschlossene Lebensgeschichte in einzelne Teile: in Fragmente, die jeweils ein Detail des Lebenslaufs fokussieren. Fragmente verweisen auf ein Ganzes, das sie aber nicht zeigen – weil es zerteilt, zerstört oder verloren ist. Fragmente sind Reste, Anfänge, Spuren und Echos zugleich.
Ergänzt wird die Ausstellung um Zeichnungen sowie eine Skulptur, die die Thematik des Fragments und der An- und Abwesenheit künstlerisch wie philosophisch vertiefen und aus einer weiteren Perspektive erschließen.
Vielen Dank
an die Spenderinnen und Spender

Fotos:
Studio Michael Müller, Berlin
Robert Schittko, courtesy Studio Michael Müller
Sven Moschitz
Martin Blach, Geschäftsführer von LOTTO Hessen